Ungarn öffnete sich als erstes Ostblockland gegenüber dem Westen, einer langen pro-westlichen Tradition folgend. Die Welt und insbesondere Deutschland erinnern sich genau: Am 10. September 1989
öffnete das Land seine Grenze zu Österreich für die Flüchtlinge aus der damaligen DDR - und leistete damit einen besonderen Beitrag zur deutschen Wiedervereinigung und zur politischen und wirtschaftlichen Wende in Mittel- und Osteuropa.
Am 23. Oktober 1989 wurde die Republik Ungarn ausgerufen, im März 1990 fanden die ersten freien Parlamentswahlen seit 1947 statt. Der Umbau der ungarischen Wirtschaft ist nach dem Ende der sozialistischen Ära und der Vorherrschaft Moskaus energisch vorangetrieben worden. Die Wirtschaft ist heute zu über 80 Prozent in privater Hand. 21 000 Unternehmen haben einen ausländischen Mehrheitseigentümer und obwohl diese an der Gesamtzahl der Unternehmen nur sieben Prozent ausmachen, stehen sie für 75 Prozent der Exporte.
Die in Ungarn gebräuchliche Sprache ist Ungarisch. Sie gehört zum finno-ugrischen Zweig der uralischen Sprachen und ist die einzige nicht-indogermanische Sprache, die im mitteleuropäischen Raum gesprochen wird. Neben Ungarisch sind die Sprachen der Minderheiten verbreitet: Zum Romani, der Sprache der Roma, variieren die Angaben; es wird von bis zu 5 % der Einwohner Ungarns gesprochen. 0,4 % der Bevölkerung sprechen Kroatisch.
Mit höflichem Benehmen wird in Ungarn die gute Herkunft signalisiert. Gegenüber Unhöflichkeiten sind Ungarn sehr empfindlich. Sie werden leicht als Kränkung aufgefasst. Auch wenn die Sprache schwer zu erlernen ist, sollte man Höflichkeiten wie "köszönöm" (danke), "kérem" (bitte) und "bocsànat" (Entschuldigung) schnell verinnerlichen.
Ungarn sind formell im Umgang und gegenüber Frauen galant. So ist bei der Begrüßung von Frauen eine leichte Verbeugung üblich, der Handkuss aber passé. Heute gilt die Begrüßungsfloskel "Csókolom“ (Tschokolom – Küss’ die Hand), die jüngere Frauen heute aber ablehnen. Die geschäftlichen Begrüßungsrituale, die Art, wie Visitenkarten ausgetauscht werden, etc. unterscheiden sich nicht wesentlich von dem in Europa Üblichen. Achtung: Auf ungarischen Visitenkarten steht der Nachname vor dem Vornamen. Beim Händeschütteln ist eine Regel, dass die Dame dem Herrn zuerst die Hand reicht. Das machen aber nur noch wenige Ungarinnen, so dass es oft vorkommt, dass sich zwar Männer untereinander mit Handschlag begrüßen, nicht aber Frauen.
Auch die Business-Kleidung ist konservativer als zum Beispiel in Deutschland. Eine Anpassung des Gastes wird jedoch nicht erwartet. Spötteln über das typische Outfit ausländischer Geschäftsleute ist verbreitet und humorvoll gemeint. Bei männlichen Besuchern aus Deutschland ist es das blaue Hemd mit witziger Krawatte, das ein Schmunzeln auslöst, bei Frauen der Hosenanzug. Ungarische Frauen sind oft sehr modisch und auffallend gekleidet. Bei Ausländerinnen könnte dieses Outfit womöglich einen unprofessionellen Eindruck erwecken.
Absolute Pünktlichkeit bei geschäftlichen Treffen wird speziell vom Ausländer zwingend erwartet. Es ist besser, fünf Minuten früher anzukommen als zu spät. Darin wird eine Geringschätzung der Person bzw. der Organisation gesehen, was die folgenden Gespräche belasten kann. Im privaten Umgang sind (kleinere) Verspätungen durchaus üblich.
Kleine Geschenke auch zu geschäftlichen Verabredungen werden sehr positiv aufgenommen. Sie müssen nicht wertvoll sein, sondern Interesse an der Person signalisieren. Etwas Typisches aus der Heimat mit Bezug zum Beschenkten: eine Süßigkeit, eine Delikatesse oder ein Getränk. Tabu sind rote Rosen oder Chrysanthemen für Damen. Rote Nelken werden eindeutig mit dem Sozialismus verbunden.
Zum ersten Treffen lädt fast immer das ungarische Unternehmen zu sich ein. Üblich ist, nach den Verhandlungen die Gespräche in einem Restaurant fortzusetzen - am "weißen Tisch", wie die Ungarn sagen. Das ist der Atmosphäre sehr zuträglich, erfordert aber Zeit. Diese sollte der Geschäftsreisende mitbringen und seine weiteren Termine entsprechend planen.
Der Übergang zwischen geschäftlichen und privaten Treffen ist fließend, da die Atmosphäre bei Geschäftsessen mit Ungarn recht privat ist. Es geht um den Beziehungsaufbau und nicht in erster Linie um Geschäftliches. Ausschweifende Trinkgelage am Abend sind kaum zu befürchten: Ungarn sind sehr familiär und gehen gern frühzeitig nach Hause. Im Übrigen gilt die Null-Toleranz für Alkohol am Steuer.
Bei einer privaten Einladung nach Hause sind Blumen für die Gastgeberin ein Muss. Im Gegensatz zu geschäftlichen Verabredungen ist bei privaten Einladungen Überpünktlich fehl am Platz. Eine kleine Verspätung gibt den Gastgebern noch etwas Zeit für die Vorbereitungen: die traditionelle ungarische Küche ist sehr aufwändig zuzubereiten, eine Anerkennung durch den Gast wird erwartet. Geschäftsfreunde treffen sich gern zu gemeinsamen sportlichen Aktivitäten. Tennis ist noch immer hoch im Kurs, Bowling beliebt und Golf setzt sich allmählich durch. Einige ungarische Geschäftspartner laden auch zum gemeinsamen Segeltörn auf dem Plattensee ein.
Die ungarischen Speisen gelten im Vergleich zu anderen europäischen Speisen als relativ „schwere Kost“. Ein beliebtes Gericht der Ungarn ist das häufig als Nationalgericht titulierte pörkölt, das nicht nur im deutschsprachigen Raum fälschlicherweise als Gulasch bezeichnet wird. Das in Ungarn gekochte gulyás ist im Gegensatz zum pörkölt eine Suppe. Traditionell wird die Suppe im Kessel (bogrács) zubereitet. In Restaurants wird die jeweilige Bestellung durchaus auch in einem kleinen Portionskessel serviert.
Einladungen ins Restaurant - mittags und abends - sind sehr beliebt und verbreitet. Sie dienen vor allem dazu, den Geschäftspartner persönlich besser kennen zu lernen oder gute Beziehungen zu vertiefen und zu pflegen. Hier stehen Themen wie Familie, Hobby, Sport, Reisen auf der Tischgesprächskarte, nicht geschäftliche Fragen. Der persönliche Umgang ist dennoch sehr formell: Auf Tischsitten wird geachtet - vor allem Frauen gegenüber, die galant und mit Respekt umsorgt werden. In größerer Runde sind auch kurze Tischreden üblich - ein Willkommen durch den Gastgeber und Dank und Anerkennung durch einen hervorgehobenen Gast. Guten Appetit wünschen sich Ungarn mit "Jó étvágyat" (Joo eetvaadjot) und angestoßen wird mit "Egészségédre" (Ägeesscheegeedrä), wobei hier besonders auf die richtige Aussprache zu achten ist, um Missverständnisse zu vermeiden.
Ein altes Gelöbnis der Ungarn, mit Bier nicht anzustoßen, ist heute nicht mehr üblich. Dennoch werden Sympathiepunkte erzielt, wenn ein Fremder weiß: 150 Jahre lang wollten die Ungarn nicht mehr mit Bier anstoßen, nachdem dies die Österreicher anlässlich der Niederschlagung der ungarischen Revolution von 1848 so ausgiebig getan hatten. Thema Wein: Ungarn sind mit Recht sehr stolz auf ihren Wein, der ausländischen vorgezogen werden sollte.
Der Gastgeber zahlt die Rechnung und sollte dies möglichst diskret tun, zum Beispiel indem er sich kurz vom Tisch entschuldigt, dem Kellner die Kreditkarte reicht und den Beleg unterschreibt. Das Trinkgeld ist oft schon eingerechnet. Wenn nicht, ist es üblich, mindestens 10 Prozent extra zu geben. Auch gehobene Restaurants akzeptieren nicht immer Kreditkarten.
Fläche:
39.030 km2
Einwohner:
10,05 Millionen (Januar 2008)
Hauptstadt:
Budapest (ca. 1,7 Mio. Einwohner)
Regierungsform:
Parlamentarische Demokratie mit Einkammerparlament
Verwaltungsstruktur:
Zentralistisches Verwaltungssystem
Amtssprache:
Ungarisch
Währung:
Forint (HUF)
Mitgliedschaften:
EU, ILO, IMF, UNO, UNESCO, FAO, UNICEF, WHO, UNHCR, ITU, GATT, WMO, UPU, ICAO, IMO, UNCTAD, UNDP, UNIDO, WIPO, INTERSPUTNIK, UNEP, OSCE, IFC, Weltbank, EBRD, Europarat, CEFTA, OECD, NATO, WTO, Internationaler Strafgerichtshof, Internationaler Seegerichtshof, EFTA, Visegrád-Staaten
*Stand: März 2008
Die ungarische Wirtschaft befindet sich derzeit auf einem abgeschwächten Wachstumspfad. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wuchs 2007 um nur 1,3 Prozent. Als Ursache gilt die auf Grund der rigiden Fiskalpolitik der Regierung nachlassende Wirtschaftstätigkeit der öffentlichen Hand. Hauptmotor des Wachstums ist nach wie vor die Industrie mit einem Zuwachs von 6,2 Prozent gegenüber 2006, während der Agrarsektor sowie der Bausektor Rückgänge im niedrigen zweistelligen Bereich verzeichneten.
Die ungarische Wirtschaftspolitik steht vor der schwierigen Aufgabe, die Konsolidierung des Staatshaushalts voranzutreiben sowie die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Landes aufrecht zu erhalten bzw. steigern zu müssen. Nach ihrer Wiederwahl 2006 hat die sozialliberale Regierungskoalition einen strikten haushaltspolitischen Konsolidierungskurs angeordnet, der das Haushaltsdefizit von 9,2 Prozent (2006) auf 5,5 Prozent (2007) drückte. Die aktuelle Version des Konvergenzprogramms vom Dezember 2007 erwartet einen weiteren Rückgang des Defizits auf 4,0 Prozent (2008) bzw. 3,2 Prozent (2009).
Neben dem Konvergenzprogramm ist der Nationale Entwicklungsplan „Neues Ungarn – Wachstum und Beschäftigung 2007 - 2013“ wichtigster Leitfaden der ungarischen Wirtschaftspolitik. Schwerpunkte des Plans, der die Verteilung der für die Förderperiode 2007 - 2013 vorgesehenen rund 22,4 Mrd. Euro an EU-Fördermitteln (+ 3,8 Mrd. Euro aus ungarischen Haushaltsmitteln) festlegt, sind der Ausbau des Verkehrswegenetzes (insbesondere im Eisenbahnsektor), Erhöhung des Anteils an erneuerbaren Energien am ungarischen Primärenergieverbrauch, Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz, Modernisierung der Verwaltung (z. B. e-Government) und öffentlichen Einrichtungen sowie die Unterstützung der international nur bedingt wettbewerbsfähigen ungarischen kleinen und mittelständischen Unternehmen. Daneben wirbt das ungarische Wirtschafts- und Verkehrsministerium sowie die Standort-Marketinggesellschaft ITDH vor allem mit der gut ausgebauten Infrastruktur, dem guten Bildungsniveau, insbesondere in naturwissenschaftlichen Berufen, sowie der geostrategisch günstigen Lage des Landes als Tor zu den Balkanstaaten sowie nach Osteuropa.
Der ungarische Export hingegen war in seiner dynamischen Entwicklung auch 2007 ungebrochen: Der Wert der Exporte (in Euro) lag 2007 um 16,2 Prozent über den Werten des Vorjahres. Für die offene und exportorientierte ungarische Volkswirtschaft ist die Nachfrage in den EU-Staaten ausschlaggebend: Mehr als drei Viertel der ungarischen Exporte gehen in die EU, allein nach Deutschland knapp 30 Prozent. Deutschland ist damit mit Abstand wichtigstes Zielland für ungarische Exporte.
*Stand Oktober 2008
Die Binnenlage und die abschirmende Wirkung der Gebirge sichert Ungarn ein relativ trockenes Kontinentalklima mit kalten Wintern und warmen Sommern. Die mittleren Temperaturen liegen im Januar zwischen -3° C und -1° C, im Juli zwischen +21° C und 23° C. Die ergiebigsten Niederschläge sind im Frühsommer zu erwarten, die Werte sind deutlich abnehmend von West nach Ost: Mittlere Niederschlagsmenge 800 Millimeter im Westen, 500 Millimeter und weniger im Osten.
15. März: Gedenken an den Revolutions- und Freiheitskampf 1848/49
20. August: Offizieller Staatsfeiertag, Fest des Staatsgründers und ersten ungarischen Königs Stephan des Heiligen
23. Oktober: Gedenken an den Volksaufstand 1956 sowie Tag der Proklamation der Republik Ungarn 1989
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Oktober 2008